Tellkamp: Die Kluft

Tellkamp: Die Kluft

Dresden, 13. März 2018. Von Thomas Beier. "Populistische Entgleisungen von Uwe Tellkamp und rechte Wortergreifung von Götz Kubitschek bei der Podiumsdiskussion 'Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?' am 8. März 2018 im Kulturpalast Dresden" hat ein "Recherchekollektiv Dresden" einen Zusammenschnitt der Veranstaltung auf YouTube (Link ganz unten) getitelt. Liest man die eingeblendeten Zwischentitel, kommt man schnell zum Schluss, des es sich eher um ein Kommentatoren- oder gar Meinungsmacherkollektiv handelt, das linkspopulistischen Ansichten verhaftet ist.

Verständnis haben und für Gut befinden ist zweierlei

Verständnis haben und für Gut befinden ist zweierlei
Zeitenwende: Der Palast der Republik (Abbruchruine im Vordergrund) wird durch den Wiederaufbau des "Berliner Schloss" genannten Hohernzollernschlosses ersetzt; im Hintergrund der Berliner Dom

Der vielfach geehrte und mit Preisen ausgezeichnete Schriftsteller Uwe Tellkamp (u.a. "Der Turm", "Der Eisvogel"), geboren 1968 in Dresden, hat sich ganz im Sinne des Diskussionsthemas geäußert, wohl wissend, was er in unserer Aufschrei-Gesellschaft, die Informationen nur noch im Anriss wahrnimmt, aber hochemotional reagiert, auslösen wird.

Dabei hat er lediglich geäußert, wie er wahrnimmt, begreift und verarbeitet, was an seriösen Nachrichten auf uns hereinströmt – ohne zu verletzen oder zu verurteilen. Wer Tellkamp nun AfD-nahe Positionen vorwirft, der vergisst, dass die AfD Erfolge eingefahren hat, weil sie Themen aufgegriffen hat, über die die anderen Parteien hinweggegangen sind. Man muss die AfD in der Gesamtheit ihrer Positionen nicht mögen, wer sie aber per sé abkanzelt und ihre Argumente nicht bearbeitet, stärkt ihre Märtyrerrolle im Kampf gegen die von ihr so genannten "Altparteien".

Tellkamp hat auf kluge Weise ausgesprochen, was viele Menschen – vor allem im heim in die Bundesrepublik geholten Beitrittsgebiet – unterschwellig bewegt und, da im politischen Diskurs nicht präsent, rechtspopulistische Strömungen befeuert. Dafür sollten wir ihm dankbarsein und den Ball aufgreifen, um die Diskussion außerhalb des zementierten Links-Rechts-Spektrums fortzusetzen (bemerkenswert das positive Fazit des Abends der linken Dresdner Sozialbürgermeisterin Annekatrin Klepsch).

Das westdeutsche Bildungsbürgertum versteht "den Osten" nicht mehr oder hat ihn – mangels Erfahrung am eigenen Leib – nie verstanden. Die Frankfurter Allgemeine schmollt, weil Tellkamp sich nicht "positiv auf das ganze Land und die geglückte Wiedervereinigung" bezieht. So ist das eben: Das Gute wird hingenommen, das Schlechte aber lauthals kritisiert. Aber so weit ist Tellkamp ja gar nicht gegangen: Er hat nur wohlbedacht artikuliert, was in ihm brennt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden, mehr fällt mir nicht ein, lediglich zwei Dinge aus "dem Osten" in "den Westen" übernommen: Der Grüne Rechtsabbiegepfeil als Blechschild und, wenn auch in veränderter Form, der Sozialversicherungsausweis. Zumindest beim Rechtsabbiegepfeil war "der Westen" überfordert – was will man angesichts der Umbrüche "im Osten" den Leuten dort eigentlich vorhalten? Die großen Hoffnungen der Anfangszeit, die große Geduld bei der großflächigen Entindustrialisierung des Landes, die langsame Erkenntnis, dass die blühenden Landschaften doch eher wortwörtlich gemeint waren? Das heutige Gefühl, vor allem außerhalb der Metropolen abgehängt zu sein, untergeordnet unter eine noch immer westdeutsch dominierte Führungsschicht mit völlig anderen Sozialisierungserfahrungen? Grenzen entstehen auch durch Ausgrenzung. Ziehen Leute aus dem Westen Deutschlands in den Osten, so äußern sie oft das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Und sie meinen ganz andere Unterschiede als jene, die vielleicht ein Ostfriese in Bayern wahrnimmt.

Zurück zu Tellkamp: In den in breiten Kreisen immer wieder reflexhaften Reaktionen auf Meinungen wie Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, wird gern vergessen: Eine Meinung zu verstehen hat im Grunde nichts damit zu tun, sie zu vertreten. Das bedeutet auch: Wer wortreich sein Unverständnis über eine Sache zum Ausdruck bringt, sollte lieber schweigen, da er die Angelegenheit ja eben nicht versteht.

Was wir brauchen ist der Disput von Leuten, die etwas vom dem verstehen, zu dem sie sich äußern, und Schlussfolgerungen für komplexe Systeme wie unsere Gesellschaft ableiten können. Und wir brauchen deren Einfluss in der Politik. Nicht ohne Grund haben sich große Politiker nach dem Prinzip der gegenseitigen Ergänzung mit Intellektuellen und Künstlern umgeben, und nicht etwa jenen, die ihren Brosamen heischten und ihrer Macht zuträglich waren. Auch vor diesem Hintergrund hat der sächsische Ministerpräsident Kretschmer, ein CDU-Konservativer, richtig gehandelt, als er sich schützend vor Tellkamp stellte.

Erinnern wir uns, bevor wir Tellkamp für seine Worte "Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent" kritisieren: Die meisten, die aus der "DDR" in den Westen abgehau'n, wie man das nannte, sind, flohen nicht wegen politischer Verfolgung (man konnte sich ja auch anpassen, die Klappe halten und in der SED-Diktatur seine Nische finden), sondern wegen der Chancen, zu höherem Wohlstand zu gelangen (was jedoch regelmäßig mit Freiheit umschrieben wird). Mehr als 95 Prozent könnte durchaus auch da zutreffen. Dafür kann man ebenso Verständnis haben wie für die Motive der heutigen Flüchtlinge und Migranten, nur, wie gesagt, heißt das eben nicht für jedermann, das auch zu vertreten.

Video:
Zusammenschnitt der Veranstaltung auf YouTube

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Mauer: arthaximmo / Amirko Kaminski, Foto Ruine: Anja / cocoparisienne, beide Pixabay und Lizenz CC0 Public Domain
  • Geändert am: 13.03.2018 - 12:54 Uhr
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